Rainer Sturm / pixelio.de

Neugestaltung des Bahnhofplatzes in der Stadt St. Gallen

St. Gallen baut um. Die Stimmberechtigten der Stadt St. Gallen haben bei der Volksabstimmung am 9. Juni 2013 dem geplanten städtischen Bauprojekt “Aufwertung und Neugestaltung des Bahnhofplatzes” grünes Licht gegeben.
Wer in der Stadt St. Gallen lebt oder jeden Tag die öffentlichen Verkehrsmittel am Hauptbahnhof St. Gallen benützt wird sich dieser Meinung wohl anschliessen:
Die Infrastruktur ist veraltet und der Bahnhofplatz selbst inzwischen unansehnlich geworden. Dies verwundert nicht, denn der Bahnhofplatz wurde vor über 30 Jahren letztmals umgestaltet und Veränderungen hielten sich seit damals in Grenzen.

Da der öffentliche Verkehr stetig zunimmt möchten Stadt und SBB Massnahmen ergreifen, um den Bahnhofplatz zu modernisieren, für die Menschen attraktiver zu machen und ihn für das zukünftige Wachstum des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz in den kommenden Jahren fit zu machen.
Für die geplante Neugestaltung des Bahnhofplatzes und die kommenden Ausbauten am Hauptbahnhof selbst, hat die Stadt St. Gallen, zusammen mit der SBB, im Vorfeld einen Wettbewerb veranstaltet in dem geeignete Projektkonzepte für eine Neugestaltung gesucht wurden.
Die Verantwortlichen entschieden sich damals für ein Projekt namens “Akari” von Hager Landschaftsarchitektur aus Zürich.
Am 9. Juni 2013 fand schliesslich die Abstimmung des städtischen Stimmvolks statt, welches die Aufwertung und Neugestaltung des Bahnhofplatzes mit den damit verbundenen Kosten von rund CHF 37 Mio. mit 53% der Stimmen annahm.
Die Ziele des städtischen Projekts “Aufwertung und Neugestaltung des Bahnhofplatzes” sind die folgenden:

Bushaltestellen:
Direkt vor dem Bahnhofsgebäude wird es, wie es bereits heute der Fall ist, Bushaltestellen geben. Der Unterschied zur heutigen Situation liegt darin, dass die Busse der Postauto AG nicht mehr in “einer eigenen Ecke” abseits der VBSG-Haltestellen stehen, sondern mit diesen an derselben Haltestelle verkehren. So halten am Ende alle Busse mit gleicher Fahrtrichtung an der gleichen Perronkante.
Gemäss der Beschreibung des städtischen Projekts werden die Haltestellen für die Linien in West-Ost-Richtung Haltestellen vor dem Rathaus bedienen, während die Linien der Nord-Süd-Achse in der Kornhausstrasse halten sollen.
Diese neue Planung soll ein effizienteres Umsteigen ermöglichen, da die Wege kürzer und die Warteflächen für die Passagiere an den Haltestellen grösser werden.
Ausserdem werden die Überdachungen der Haltestellen nicht mehr grau und finster aussehen wie heute, sondern aus Stahlkonstruktionen mit lichtdurchlässigen Glasdächern bestehen. Wenn auch diese Wartehallen sicher kleiner und kompakter ausfallen werden, kann man sie von der Architektur her wohl mit der Calatrava-Halle am Marktplatz vergleichen. So stelle ich sie mir zumindest vor und auf einer Projekt-Visualisierung kommen sie diesem Stil auch recht nahe.

Pluspunkt Fahrgastinformation:
Das System der elektronischen Anzeigetafeln, auf denen Uhrzeit und Abfahrt der nächsten paar Busse kommuniziert werden, soll ausgebaut werden. Für mich persönlich ist der grosse Pluspunkt dabei ein geplanter Grossbildschirm dort, wo man die Unterführung Ost hinaufkommt. Für die Züge ist dies an praktisch allen grossen Bahnhöfen selbstverständlich, in St. Gallen fehlte diese Gesamtübersicht für den Busbetrieb bisher.

Mehr Platz für Fussgänger, effizientere Wege:
An den Fahrtwegen der Busse ändert sich einiges und trotzdem bleibt alles gleich. Vor allem nach Osten in Richtung Marktplatz war es bisher schon so, dass die meisten Busse die Poststrasse befahren, während dem in Gegenrichtung, vom Marktplatz/Schiebenertor zum Bahnhof, die Bahnhofstrasse die Hauptachse war. Dieses System hat sich anscheinend bewährt und bleibt zum Grossteil auch so.
Da die Haltestellen auf dem Bahnhofplatz schlussendlich aber anders angegliedert sein werden als heute wird es am Gesamtbild der Busabfahrt wohl auch Änderungen geben.
Für die wartenden Personen verspricht das Projekt Komfort und Sicherheit. Die Wartebereiche bei den Perrons werden grösser. Vor allem in Stosszeiten ist dies absolut begrüssenswert.
Eine weitere Verbesserung wird eine Fussgängerpassage über den Platz vom Bahnhof in Richtung Kornhausplatz sein. 16 Meter breit soll diese werden und dafür sorgen, dass zwischen Bussen und Fussgängern klare Verhältnisse herrschen. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die Situation heute zu Stosszeiten eher einem Ameisenhaufen ähnelt. Kein Busfahrer wird zurzeit wohl gerne über den belebten Bahnhofplatz fahren.
Den Fussgängern kommt das Bahnhofsplatz-Projekt besonder stark entgegen: Die Gutenbergstrasse zwischen Hauptpost und dem Metropol wird zukünftig nicht mehr vom ÖV befahren. Für den privaten Personenverkehr ist die Strasse bereits seit 2012 gesperrt. Dies ermöglicht es im Endeffekt, die Gutenbergstrasse komplett zu einem Fussgängerbereich umzugestalten. In Anbetracht der Menschenaufkommen in diesem Durchgang eine sehr vernünftige Entscheidung. Desweiteren soll ein zusätzlicher Fussgängerstreifen zwischen der UBS und der St. Galler Kantonalbank entstehen.

Nicht nur Busse, auch für Fahrrad und Taxi ändern sich die Zeiten:
Eine gute Nachricht für alle Velofahrer. Die Veloabstellplätze werden in ihrer Anzahl vergrössert. Sind heute knapp 800 Abstellplätze auf dem Bahnhofsareal verfügbar, soll sich diese Zahl nach der Umgestaltung des Bahnhofplatzes auf fast 1’000 Plätze erhöhen. Auch die Anzahl der verfügbaren Taxistandplätze wird erhöht. Von heute 21 auf zukünftig 26 Standplätze. Allerdings werden die Plätze direkt vor dem Bahnhofsgebäude aufgelöst. Die neuen Taxistandplätze wird man auf der Nordseite bei der Fachhochschule, bei der Unterführung West neben dem Bahnhof der Appenzeller Bahnen und vis-à-vis des Hotels Walhalla finden.

Erholung am Bahnhof. Bisher einfach zu hektisch:
Geben wir es zu. Der Hauptbahnhof St. Gallen ist einfach zu hektisch um sich dort wirklich entspannen oder das Wetter geniessen zu können. Da sind die meisten vermutlich eher zu weiter entfernten Pärken der Stadt gegangen. Die heutige hektische Situation am Bahnhof ist nicht nur unschön, es wurde auch viel Platz verschwendet indem er zubetoniert leer steht. Das “Bahnhofspärkli” bei der Poststrasse war zu offen und viel zu klein. Vom Kornhausplatz möchten wir erst gar nicht reden. Der Lämmlerbrunnen ist zwar ein kulturell wichtiges Objekt der Stadt St. Gallen, die Umgebung in der er steht macht ihm aber keine Ehre. Der ganze Platz ist eine einzige “Betonwüste” und bis auf den unschönen VBSG-Kubus und die Gartenwirtschaft eines ansässigen Lokals im Sommer, gibt es auf diesem Platz nicht viel zu sehen.
Dieser Wüste möchte die Stadt bei der Neugestaltung des Bahnhofplatzes neues Leben einhauchen. Der Kornhausplatz soll locker mit Baumgruppen bepflanzt werden und es ist ein Wasserbecken geplant. Diese optische Aufwertung mit relativ einfachen Mitteln hätte dem Platz wohl schon viel früher sehr gut getan. Für mich persönlich das i-Tüpfelchen sind die geplanten Sitzmöglichkeiten. So wird der Kornhausplatz nicht mehr zu einem lieblosen Durchgang, sondern lädt zum Verweilen ein. Und das bei der ganzen Hektik die einige Meter nebenan herrscht. Vor allem auf das Endresultat des Kornhausplatzes bin ich sehr gespannt.
Der Park bei der Poststrasse wird mit üppiger Bepflanzung wieder hergestellt und auch alte Bekannte wird man dort wieder treffen: Die Stadt will den alten Brunnen und die bronzene Statue einer Frau wieder in diesem Park installieren. Meiner Meinung nach hat vor allem die Bronzestatue viel zur Erinnerung an diesen Park beigetragen, da der restliche langweilige Park bisher wohl eher weniger im Gedächtnis haften blieb.
Beleuchtet werden soll der ganze Bahnhofsplatz übrigens komplett neu. Durch die offene Bauweise des Platzes wird dieser sicher auch heller erscheinen. Das macht das ganze Areal um den Hauptbahnhof St. Gallen auch nachts etwas einladender.

Bahnhofstoilette, nicht jedermanns Liebling:
Von der Planung der öffentlichen Toiletten weiss ich ehrlich gesagt noch nicht, was ich davon halten soll.
Zum einen entsteht in der Unterführung Ost eine neue, grosse WC-Anlage. Diese ist bedient und bietet vielen Menschen wie etwa Müttern mit kleinen Kindern Vorteile. Allerdings sehe ich dem Gesamtkonzept kritisch gegenüber. Bisher war die Benutzung der öffentlichen Toiletten am Bahnhof St. Gallen kostenlos. In den letzten Jahren wurde von der SBB aber praktisch an jedem Bahnhof, an dem eine WC-Anlage erneuert wurde, die alte Anlage durch eine neue, kostenpflichtige Toilette ersetzt.
Diese Entwicklung würde ich in der Stadt St. Gallen nicht begrüssen. Es mag zwar wie ein überflüssiges Problem klingen, wer sich jedoch die von der SBB verlangten Preise der Toiletten für eine Notwendigkeit ansieht, freundet sich damit nicht an. Besonders wer die Hauptbahnhöfe der Städte Zürich und Basel kennt wird die Thematik zur Genüge kennen.

Grössere Unterführungen, neue Verpackung:
Die Unterführungen werden ausgebaut. Das gehört zwar nur indirekt zur Neugestaltung des Bahnhofplatzes, jedoch hingen die Sanierungspläne der SBB am Bahnhof von einem Zustandekommen der Bahnhofsplatzsanierung ab.
Die SBB möchte die Unterführungen barrierefreier machen und wohl auch wirtschaftlich besser nutzen.
Neben Aufzügen für in Ihrer Mobilität eingeschränkte Personen, wird es bei den Treppenaufgängen auch Rolltreppen geben und die Unterführungen als Ganzes werden breiter.
Ausserdem entstehen Ladenpassagen für das Einkaufen am Bahnhof. Das ist zwar sehr praktisch und die wirtschaftlichen Überlegungen der SBB sind verständlich, jedoch hatte der schlichte Charakter der bisherigen Unterführungen etwas beruhigendes. Schön sind sie zwar überhaupt nicht, aber das einzige was es bisher im Untergrund gab sind vor allem andere Menschen, Fahrpläne und Ticketautomaten. Zumindest unterirdisch hat der Hauptbahnhof in St. Gallen zurzeit ein richtiges “80-er Jahre Flair”.
Optisch eine grosse Neuerung, aber für Pendler nicht relevant: Der Wartebereich zwischen Gleis 1 und Bahnhofsplatz wird neu überdacht. Die alte Gitterkonstruktion gefällt wohl auch der SBB nicht mehr. Auf jeden Fall wird diese, wie man in der Visualisierung des Projekts gut sehen kann, durch ein neues Dach ersetzt welches optisch zu den Glasdächern der neuen Bushaltestellen passen wird.
Neben den ästhetischen Gemäuern des Bahnhofgebäudes und der Hauptpost mit Glockenturm sieht dieser “Klotz” etwas fehl am Platz aus, aber vielleicht fügt er sich am Ende ja doch nicht so schlecht ins Gesamtbild ein.

Toll Neugestaltung! Ist das gratis?
Leider nein. Die ganze Aufwertung und Neugestaltung kostet die Stadt St. Gallen rund CHF 42 Mio. Darüber hinaus beteiligt sich die Stadt an den Kosten der SBB mit etwas über CHF 16 Mio. Dies betrifft unter anderem die Ankunftshalle, weil diese auch für den Bahnhofplatz selber wichtig ist. Vom Bund gibt es aus seinem Agglomerationsprogramm noch einen Kostenbeitrag und auch der Kanton St. Gallen, die Appenzeller Bahnen und die VBSG beteiligen sich an den entstehenden Kosten.
Die Stadt St. Gallen selbst hat mitgeteilt, dass Ihre effektive Finanzbelastung CHF 37.4 Mio. beträgt.
Die detailierte Planung und den Stand der Bauarbeiten kann man natürlich auch bei der offiziellen Webseite der Stadt St. Gallen abfragen. Relevante Verlinkungen zum ganzen Projekt finden sich am Ende dieses Beitrags. Natürlich bin ich auch nicht auf jedes kleine Detail der Neugestaltung eingegangen, sondern eher auf die wichtigen Dinge, welche die Endbenutzer des Bahnhofplatzes am meisten betreffen. Ich teile auf jedenfall die Meinung der Stadt, dass eine Neugestaltung des Bahnhofplatzes notwendig ist. Eine Augenweide war er bisher ja nicht wirklich. Das Einzige was mich am Projekt nicht glücklich macht ist die aktuelle Situation den Lämmlerbrunnen auf dem Kornhausplatz betreffend. Da ist zurzeit noch einiges im Gang bzw. in Gang gekommen, das ich in einem der nächsten Beiträge thematisieren werde.

Wie stehst du zum Umbauprojekt beim Bahnhof St. Gallen? Betrifft es dich selbst oder kommst du da gar nie vorbei?
Hätte lieber ein anderes Projekt realisiert werden sollen oder wäre es dir doch lieber gewesen wenn alles beim Alten geblieben wäre?
Fragen, Anregungen und Diskussionen zu diesem Thema dürfen gerne mit Hilfe der Kommentarfunktion unter dem Beitrag beigesteuert werden.

 

Projekt-Webseite der Stadt St. Gallen
Abstimmungsergebnisse der Stadt St. Gallen vom 9. Juni 2013

 

Copyright Artikelbild: Rainer Sturm  / pixelio.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.